Friedrich Wilhelm Murnau

"FAUST" STUMMFILM, DEUTSCHLAND 1926




Friedrich Wilhelm Murnaus Faustverfilmung kombiniert Motive des alten Volksbuches, wie es als Historia von Doktor Johann Fausten Dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler 1587 vom Buchdrucker Spies in Frankfurt am Main erstmalig vorgelegt wurde, mit Aspekten der ersten Dramatisierung des Stoffes durch Marlowe und mit der von Goethe stammenden Gretchen-Tragödie als Dreh- und Angelpunkt des Werkes.

In der ersten Szene des Films, der durch einen Zwischentitel Siehe als Allegorie gekennzeichnet ist, sehen wir Abgesandte der Mächte des Guten, den Erzengel Gabriel, und des Bösen, den gestürzten Engel Luzifer, in einem Streit um die absolute Herrschaft über die Menschen. Gabriel führt Luzifer vor, dass die Verführbarkeit durch das Böse den Menschen zwar Zweifel an der Existenz Gottes erfahren, ihn aber gleichzeitig die Offenbarungen der ewigen Liebe erkennen läßt, die als höchstes Gut einzig und absolut über den Kategorien Gut und Böse thront, und somit Gottes, oder das Göttliche selbst, ist. "Gerettet ist das edle Glied / Der Geisterwelt vom Bösen: / >>Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen.<<" (Goethe, Faust - Der Tragödie zweiter Teil, Verse 11934 - 11937).

Der Film zeigt Faust als einen Forscher, der durch das Wissen um seine Erkenntnisfähigkeit, notwendigerweise die Grenzen dessen, was als moralisch gilt, überschreiten muß. Er hat die freie Wahl sich für die Wege des Guten oder des Bösen zu entscheiden. Sein Handeln kann demnach Böse sein, da er es aber als Böses erkennt, muß er das Gute -als Ahnung- in sich tragen. Das Gute ist also immer die höhere Kategorie, das Böse selbst hat keine Substanz, ist immer Spiegelung, Perversion des Guten.

Spiegelung ist ein Hauptmotiv des Films. Die Dichotomien, Gut - Böse, Licht -Schatten / Finsternis - Erkenntnis / Weisheit - Lust, sowie Alter - Jugend, werden in Murnaus Film melodramatisch und in ihren Extremen ausgeführt. Zentrum des Films ist allerdings eine Szene voller Komik, die das ganze Drama als ein Spiel, als Setzung, apostrophiert. Faustens Liebeswerben um Gretchen wird durch eine Liebeständelei zwischen Marthe und Mephisto konterkariert und persifliert.

Faust erkennt die Dimensionen seines Scheiterns in der Spiegelung der Flüssigkeit, mit der er sich vergiften will. Mephisto spiegelt Faust eben darin ein Leben der Lust vor, fängt schließlich den alten Faust im Spiegel ein und bewahrt ihn dort, während sich dieser als Jüngling den Genüssen des Lebens hingibt.

Ein weiteres Motiv ist das der Bewegung, das Wiegen -des Kindes- als ein Pendeln zwischen zwei Polen. Das Kreisen, das scheinbar keinen Anfang und kein Ende hat, Symbol für die Ewigkeit, erfährt hier bloß eine Andeutung. Gretes Spinnrad wird in diesem Film nicht in Bewegung gebracht. Dennoch scheint sich mit dem apotheotischen Ende des Films ein Kreis zu schließen.

In diesem Zwischenraum von Ahnungen und eben zwischen den Polen der benannten Kategorien findet Schultheis' Musik ihren Ansatz. Die musikalische Begleitung des Films soll das unruhige Bewegen, das Suchen, das Irren erzählen, dem Film gleichzeitig in seiner Dramaturgie folgen, aber nicht seine extremen Gegensätze und die moralischen Positionen untermauern. Die Musik sucht nicht die Verdopplung, sondern das Ausformulieren der Zwischenräume, nicht die Verzierung der Bildwelt, sondern ein Empfinden von Zeitlichkeit, auf einer anderen Ebene als sie der Film erzählt.

Die Musik eröffnet naturgemäß einen Blick aus heutiger Perspektive auf den Film, sie verwandelt sich dem Ausdruck seiner (Entstehungs-)Zeit aber immer wieder an, kokettiert - kurz - folgt seinen Spielregeln.

Orchester:
 
2 Flöten (2. auch Picollo und Altflöte in G)
2 Oboen (2. auch Englischhorn)
2 Klarinetten in Bb und A
1 Baßklarinette
2 Fargott
1 Kontrafagott
 
4 Hörner in F
2 Trompeten in C
1 Tenorposaune
1 Baßposaune
1 Kontrabaßtuba
 
1 Harfe
 
10 Violinen I
8 Violinen II
6 Violinen
5 Violoncelli
3 Kontrabässe
 
Pauken
Schlagzeug (2 Spieler) Gr. Trommel, kl. Trommel, Tambourin, Becken, Tam Tam, Gong, Antike Zymbeln, Crotales, Röhrenglocken, 2 Vibraphone, Marimbaphon, Holzblöcke (Holzglocken), Claves
 
Dauer: 107'


Stimmen zur europäischen Erstaufführung mit der Norddeutschen Philharmonie, Leitung: Frank Strobel, in Rostock.



Orchestermaterial leihweise bei Ries & Erler erhältlich.

Filmkopien samt Filmrechten erhalten Sie für kommerzielle Veranstaltungen bei der Transit-Film GmbH, Dachauer Straße 35, D-80335 München, Tel.: +49 (0) 89-555261