EDUARD
ERDMANN
MUSIK — LEBENDIG BEGRABEN
Komponisten im Berlin der Weimarer Republik
Die Ernüchterung über die verheißenen Fortschritte und unerfüllbaren Erwartungen der modernen Musik am Ende des 20. Jahrhunderts hat dazu geführt, dass sich das breite Interesse wieder mehr der von den Meinungsbildnern längst ad acta gelegten Musik zwischen den beiden Weltkriegen zuwandte. Bei der Aufarbeitung eines so umfangreichen und komplexen Stoffes spielen lobbyistische Muster eine machtvolle Rolle. Die ohnehin längst als "groß" anerkannten Namen bleiben natürlich bestehen, also im deutschsprachigen Raum Komponisten wie Arnold Schönberg, Alban Berg, Anton Webern, Paul Hindemith oder Carl Orff. Sodann hat sich allmählich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eminente Lehrerpersönlichkeiten wie Ferruccio Busoni oder Franz Schreker, in deren Schaffen der Umbruch der künstlerischen Werte faszinierend hörbar ist, mit ihrer weitgefächerten Schülerschaft ebenso eingehend erforscht werden müssen wie etwa Schönberg oder Hindemith. Besonderes Augenmerk galt und mit auslösend für den neuen Trend zur Erkundung der Musik der Weimarer Republik war der späte Versuch einer Wiedergutmachung an den weniger erfolgreichen Exilkomponisten und natürlich an jenen, die, üblicherweise aus rassischen Gründen, von der Todesmaschinerie des Dritten Reich erfasst wurden. Anderes wurde in dem begreiflichen Eifer einschlägiger Ausgrabungseuphorie glatt übersehen und blieb sozusagen "unter den Teppich gekehrt". Am unangemessensten betroffen wurden hiervon jene Schöpfer, die in der Hitlerzeit in die "innere Emigration" gingen, deren Musik also unerwünscht — in vielen Fällen auch verboten — war. Dies konnte aus verschiedensten Gründen geschehen: Entweder war die Tonsprache zu dissonant, avanciert, frivol; oder der Komponist hatte aktive Verbindungen zu linksgerichteten Organisationen gepflegt; oder er war rassischen Ermittlungen ausgesetzt und deshalb gesperrt; oder sein Verhalten ließ die verordnete Loyalität vermissen. Viele dieser Schaffenden waren stille Widerständler mit mehr oder weniger differenzierter und oppositioneller Haltung. Nicht anders als in der Sowjetunion wäre das Bekennen einer solchen Haltung unsicheren Gewährsleuten gegenüber tödlich gewesen.
Einer der Komponisten, die sich vom Nationalsozialismus nicht korrumpieren ließen, war Heinz Tiessen, geboren 1887 in Königsberg und seit 1905 in Berlin ansässig. 1914 war er mit seiner an Richard Strauss anknüpfenden Zweiten Symphonie op. 17 mit dem Goethe-Motto 'Stirb und Werde!' hervorgetreten. Ab 1918 brachte er es zu beträchtlichem Ansehen mit zahlreichen Schauspielmusiken, die er in Zusammenarbeit mit den führenden Regisseuren wie Jürgen Fehling, Max Reinhardt oder Ludwig Berger schuf. Die Essenz dieser Stücke modellierte er zu Werken für den Konzertsaal, und man erkannte in ihm einen der führenden Komponisten des aufblühenden Expressionismus.
"Die Aufgabe, in der Schauspielmusik mit einem Minimum an Mitteln und Zeit ein Maximum an Ausdruck zu erreichen, ließ mich über die gewohnten Klangvorstellungen hinaus eine expressive polyphone Schreibweise gewinnen. Zur 'Atonalität', also grundsätzlichen harmonischen Beziehungslosigkeit, blieb ich trotz klanglicher Annäherungen im Gegensatz; auch die entlegensten Zusammenklänge und ihre Verkettungen schienen mir aus der kadenzierenden Logik als graduelle Erweiterung entwickelbar zu bleiben und gruppierbar um eine Tonika: Ausbalancierung von Spannung und Entspannung ist mir Urgesetz und zeitlos gültig im Wandel der Erscheinungsformen, wie eng oder weit die Spannungsskala eines Stiles oder eines Komponisten auch beschaffen sei."
Tiessens expressionistische Phase gipfelte in Werken wie der Hamlet-Suite, dem Tanzdrama 'Salambo', welches freipolyphone Dissonanzwirkungen vorwegnimmt, wie sie später bei Béla Bartók auftauchen sollten, und einem bemerkenswerten Streichquintett. Während des Dritten Reiches verstummte der Komponist Heinz Tiessen fast völlig. Der Leiter eines sozialistischen Arbeiterchores war nun ein Verfemter, mit dessen Musik ohnehin nichts anzufangen war. Nach dem Kriege interessierte sich fast niemand mehr für seine Musik, und es fiel ihm auch schwer, an den Elan früherer Zeiten anzuknüpfen. Er starb 1971 als weitgehend Vergessener. Erst in jüngster Zeit werden einige Musiker sich der überzeitlichen Substanz seiner Musik gewahr.
Eines von Tiessens erfolgreichsten Werken war das 1926 vollendete 'Vorspiel zu einem Revolutionsdrama', das 1927 unter der Leitung von Emil Bohnke zur Uraufführung kam und in der Folge vom Komponisten selbst, von Jascha Horenstein, Hermann Scherchen, Anton Webern und anderen mit durchschlagendem Erfolg dirigiert wurde. Das klar strukturierte, wuchtige Werk beinhaltet die bekannte Weise 'Brüder, zur Sonne, zur Freiheit', die Hermann Scherchen aus Russland mitgebracht hatte. Die folgende Aufnahme stammt vom Dezember 1946 aus Berlin. Sergiu Celibidache dirigiert die Berliner Philharmoniker im 'Vorspiel zu einem Revolutionsdrama' seines Lehrers Heinz Tiessen.
1
Heinz Tiessen: Vorspiel zu einem Revolutionsdrama op. 33
Berliner Philharmoniker, Sergiu Celibidache; live, Berlin, Dezember 1946
RBB-Band 38/19106
Dauer: 10'57
Heinz Tiessens 'Vorspiel zu einem Revolutionsdrama' erklang mit den Berliner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache.
Tiessens Kompositionslehrer war der Wallone Philipp Rüfer, der heute völlig unbekannt ist. Rüfer hat eine Symphonie und ein Violinkonzert geschrieben, die in der handwerklichen Meisterschaft an den jungen Richard Strauss erinnern. Der revolutionäre Strauss der 'Salome' und Arnold Schönberg in seiner expressionistischen Phase waren die entscheidenden Vorbilder für Tiessen, der selbst bald als Kompositionslehrer eine immense Ausstrahlung entwickelte. Der als Pianist weltberühmte Eduard Erdmann, der so unvergleichlich Schubert gespielt hat — und vielen als der größte Bach-Spieler galt —, war sein erster Kompositionsschüler von Rang. Später folgten Sergiu Celibidache, der als Dirigent überragendes Format erreichte, Josef Tal, Wolfgang Steffen und viele weitere.
Als Komponist wenigstens zu einer Tiessen ebenbürtigen Erscheinung wurde Eduard Erdmann, der bis 1925 in Berlin wirkte und dann bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten an der Kölner Musikhochschule lehrte. Erdmann setzte sich als Interpret mit unvergleichlicher Wirksamkeit für die neue Musik seiner Zeit ein, reduzierte sich jedoch nie zu einem Spezialisten. Was das Repertoire betrifft, war er ein Meister der Überraschungen, ohne sich in Willkür zu verlieren. Dies charakterisiert auch sein Komponieren, welches Kapriziöses und Erhabenes, Musikantisches und Abstraktes zu fesselnder Einheit zu verbinden weiß. Zwei Symphonien und ein Klavierkonzert sind als seine Hauptwerke aus den zwanziger Jahren anzusehen. Wie Tiessen ist auch Erdmann während des Dritten Reiches fast gänzlich verstummt. Doch anders als seinem Lehrer gelang es ihm nach dem Kriege nicht nur, die losen Enden wieder aufzunehmen, sondern in zwei weiteren Symphonien zu neuen Ufern aufzubrechen.
Um die Tragödie dieses großen Künstlers eindrücklich zu demonstrieren, wird jetzt nicht eine Komposition aus der frühen Zeit zu hören sein, sondern aus seiner 1951 vollendeten Vierten Symphonie der Mittelsatz mit seinen oszillierenden Tempi: Adagio - Presto - Allegretto moderato - Adagio - Presto. Hans Schmidt-Isserstedt leitet das Symphonie-Orchester des Norddeutschen Rundfunks am Tag nach der Uraufführung im Mai 1954 in Hamburg.
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Eduard Erdmann: aus der 4. Symphonie op. 20: 2. Satz
NDR-SO, Hans Schmidt-Isserstedt; Hamburg, 31. 5. 1954
NDR-Band 00-73297
Dauer: 10'12
Von dem Deutsch-Balten Eduard Erdmann, der als Pianist zu Weltruhm gelangte und als Komponist nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch Beachtung fand, hörten sie den Mittelsatz seiner Vierten Symphonie, gespielt vom NDR-Symphonie-Orchester unter Hans Schmidt-Isserstedt. Erdmann, geboren 1896 in Riga und gestorben 1958 in Hamburg, galt seinen Freunden als ein Universalgelehrter, und Kennern blieb unbegreiflich, warum seine Kompositionen kaum noch Interesse fanden. Eine interessante Analyse zu diesem Phänomen lieferte sein Kollege und Leidensgenosse Philipp Jarnach:
"Wenn also der merkwürdige Fall eintritt, dass ein längst Anerkannter sich seinen legitimen Platz von neuem erobern muss — wofür er mit keiner anderen Waffe kämpfen kann als mit der neuen künstlerischen Tat —, so muss dies Gründe haben, die nicht im Werke selbst zu suchen sind.
Hier enthüllt sich leider ein Umstand, dessen Ursache, so unerfreulich sie auch sein mag, doch einmal beleuchtet werden soll, weil sie über den Einzelfall hinaus für eine ganze Künstlergeneration mehr oder weniger bezeichnend ist: Nach 1933 gab es für die Werke von Eduard Erdmann, der als Konzertpianist weiterhin gefeiert wurde, in Deutschland keine Aufführungsmöglichkeiten mehr. Plötzliches Schweigen legte sich um sie — und später Vergessenheit. Es ist kaum leicht zu ermessen, was eine solche Erfahrung für schöpferische Persönlichkeiten bedeutet hat, die sich damals gerade in den Jahren ihrer reifen Entwicklung befanden, und was für Folgen daraus entstanden sind. Kein Künstler kann auf die Dauer das Fehlen jeglicher Möglichkeit der Resonanz entbehren, ohne dass sich in ihm unbewusste Reaktionen vollziehen, die seine Kräfte in die Richtung einer geistigen Weltflucht abdrängen. Erfolg haben oder nicht Erfolg haben ist dabei nur eine untergeordnete Frage. Der Schaffende braucht unbedingt den Kontakt mit der Umwelt; denn dieser ist es, der den Ausgleich zwischen dem Subjektiven und dem Allgemeingültigen herstellt und ihm dadurch neue Impulse gibt.
Sollte nun der Künstler, wo dieser Kontakt künstlerisch unterbunden ist, ihn auf ebenso künstliche Art zu erhalten versuchen und sich zu Konzessionen bequemen? Das hieße ja aus einem Zwang eine Konjunktur machen. Und keine echte Persönlichkeit wird jemals dazu gebracht werden, ihr eigenstes zu verleugnen. Das ist nicht allein eine Frage des Charakters, es ist auch und vor allem eine Frage des inneren Müssens, vor der es keine Wahl gibt. In einem solchen Fall bleibt wohl nichts anderes übrig als völliger Verzicht. Wieviel dabei verschüttet werden mag, was sonst Gestalt geworden wäre, weiß niemand. […] Und so wird mit seinen neuen Werken der Name Erdmann erst jetzt wieder sichtbar, beinahe wie ein neuer Name neben den Exponenten der jüngsten Generation."
Zum Kreis um Heinz Tiessen gehörte auch der 1888 bei Lodz geborene Bratschist, Dirigent und Komponist Emil Bohnke, der bei Friedrich Gernsheim Komposition studiert hatte und 1926 Chefdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters wurde. Zunächst war Bohnkes Schaffen fest in die deutsche Tradition in der Nachfolge Brahms’ und Regers eingegliedert, doch allmählich kristallisierte sich eine expressionistisch-lineare Handschrift heraus, und große Kollegen wie Edwin Fischer, Adolf Busch, Georg Kulenkampff oder Artur Schnabel setzten sich für seine Werke ein. 1927 vollendete Bohnke seine gewaltige Sinfonie op. 16 in einem Satz. Die Uraufführung unter Erich Kleiber sollte er nicht mehr hören, denn während einer Ausfahrt aufs Land am 11. Mai 1928 kam der Chauffeur von der Straße ab und Emil Bohnke und seine Frau Lilli verunglückten tödlich. Welch erheblichen Verlust dies bedeutete, davon mag ein Ausschnitt aus Bohnkes Sinfonie op. 16 Auskunft geben: Wir hören daraus den Schlussteil, gespielt von den Bamberger Symphonikern unter Israel Yinon.
3
Heinz Schubert: aus der Concertanten Suite für Violine und Kammerorchester: 1. und 2. Satz 'Recitativ und Fughetta'
Heinz Stanske (Violine), Berliner Philharmoniker, Heinz Schubert; Berlin, 1940
Deutsche Grammophon/Deutsches Rundfunk-Archiv DRA-Nr. 4317355
Dauer: 7'48
Recitativ und Fughetta, die ersten zwei Sätze aus der Concertanten Suite von Heinz Schubert, spielte Heinz Stanske, begleitet von den Berliner Philharmonikern unter Leitung des Komponisten. Später, in seinen während des Krieges entstandenen Werken, ging Heinz Schubert in der ekstatischen Dimension seines Schaffens noch über sein Vorbild Heinrich Kaminski hinaus und transzendierte so die Schrecken und das Leid einer unerträglichen Gegenwart. Nach dem Kriege hat man seinen Namen gelöscht und seine Musik bei lebendigem Leibe begraben. Heutige Aufgabe ist es, sie wieder auszugraben.
Als Heinz Schubert bei den nationalsozialistischen Machthabern in Ungnade fiel, war es Wilhelm Furtwängler, der sich, solange es ihm möglich war, schützend vor ihn stellte. Die grenzenlose Verehrung, die dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler bereits Anfang der zwanziger Jahre entgegenschlug, ist heute nicht mehr vorstellbar. Die Musiker und das Publikum müssen damals in einem Ausmaß zu Hingabe und unmittelbarem Erleben fähig gewesen sein, das längst abhanden gekommen ist. Mit dem Tode Arthur Nikischs im Januar 1922 wurde Furtwängler Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Eigentlich sah er sich zeitlebens als einen Komponisten, der außerdem auch dirigiert. Doch mittlerweile war er längst dazu verdammt, ein weltberühmter Dirigent zu sein, der nicht mehr zum Komponieren kam. Eine andere Situation trat erst wieder im März 1934 ein, mit dem von den Nationalsozialisten entfachten Skandal um die unerwünscht erfolgreiche Uraufführung von Paul Hindemiths Sinfonie 'Mathis der Maler', in deren Folge Furtwängler gezwungen wurde, seine Ämter niederzulegen. Nun war er zum Symbol des geistigen Widerstands gegen die Barbarei avanciert. Dass er diesen Widerstand als wirksame Kraft tatsächlich für dauerhaft möglich hielt, sich also auf das aussichtslose Unterfangen einließ, eine Kraftprobe mit den Machthabern bestehen zu wollen, war sicherlich eine Fehleinschätzung. Fred Prieberg hat diese Haltung und ihr Scheitern, das dazu führte, dass Furtwängler vor aller Welt zum Dirigenten des Führers stilisiert wurde, einfühlsam analysiert. Er wurde zur wahrhaft tragischen Figur. Das spiegelt sich vielfach in der Musik wieder, die Furtwängler ab Mitte der dreißiger Jahre komponierte: große, ausladend symphonisch konzipierte Werke, von denen wir nicht wissen, wie weit der Prozess ihrer Entstehung in die zwanziger Jahre zurückreicht, darunter zwei Violinsonaten, ein Klavierquintett, das Symphonische Konzert für Klavier und Orchester und die Zweite Symphonie. Über das Symphonische Konzert schrieb Furtwängler an seinen Mentor Ludwig Curtius: "Als ich mein Klavierkonzert aufführte, hatte ich das Gefühl, denjenigen, die zuhören konnten, den Ausblick auf eine große und erschütternde Tragödie zu geben." Diese musikalische Tragödie kann als eine Widerspiegelung der deutschen Tragödie verstanden werden, die auch den haltlosen Niedergang der deutschen Kultur mit sich brachte. Rückblickend ist außer Zweifel, dass die Jahre der Weimarer Republik die letzte Hochblüte der deutschen Musik hervorbrachten, in welcher all die widerstreitenden Tendenzen der Zeit ein grandioses Endzeitkonzert anstimmten. Furtwängler hütete den Hort des Konservatismus, bezog seine Inspiration aus der Welt von vorgestern, vorwiegend von Brahms und Wagner. Wie es auch als Dirigent eine seiner großen Stärken war, vermochte er als Komponist gigantische Steigerungen zu bauen. Auch er strebte nach dem Absoluten, und 1940 notierte er: "Das Kennzeichen jedes wirklich großen Werkes, sei es von gestern oder von morgen, ist, dass es neu und alt zugleich ist, noch nie dagewesen und doch, als ob man es von alters her kenne."
Furtwänglers Symphonisches Konzert für Klavier und Orchester gelangte 1937 in München durch Edwin Fischer und die Berliner Philharmoniker unter dem Komponisten zur Uraufführung. Im Januar 1939 wurde es in der selben Besetzung mitgeschnitten, leider in dürftiger Tonqualität. Sie hören den Anfang des Kopfsatzes.
4
Wilhelm Furtwängler: aus dem Symphonischen Konzert für Klavier und Orchester: 1. Satz 'Schwer', Anfang
Edwin Fischer (Klavier), Berliner Philharmoniker, Wilhelm Furtwängler; live, 19. 1. 1939
Pilz CD 78004
Track 1, 0'00-5'50 (ausblenden!) (Dauer: 5'50)
Soweit der Anfang des Symphonischen Konzerts für Klavier und Orchester von Wilhelm Furtwängler. Es spielten Edwin Fischer und die Berliner Philharmoniker unter Leitung des Komponisten.
Noch mancher bedeutende, vergessene Tonsetzer aus dem Berlin der Weimarer Republik ließe sich vorstellen, darunter so hochkarätige Kaliber wie Philipp Jarnach oder Artur Schnabel. Abschließend sei ein Mann vorgestellt, dessen Persönlichkeit und stilistische Haltung so ziemlich das äußerste Gegenstück darstellen zu Furtwänglers Wahrung der würdigen deutschen Tradition. Ernst Krenek — eng befreundet mit Eduard Erdmann, der sich als Pianist rückhaltlos für ihn einsetzte. Krenek folgte Ende 1920 als Zwanzigjähriger seinem Lehrer Franz Schreker von Wien nach Berlin. Mit dem 1921 komponierten Ersten Streichquartett hatte er seinen ersten großen Erfolg. Es folgte die wilde Erste Symphonie in einem Satz. Doch den Gipfel seines frühen Schaffens — und vielleicht seines Schaffens überhaupt — erklomm er mit der groß angelegten, dreisätzigen Zweiten Symphonie op. 12 von 1922. Danach hat Krenek ein Leben lang herumgeschnuppert und alle nur erdenklichen Stilarten ausprobiert, doch die ursprüngliche Spannkraft und Vitalität versiegte langsam. Seinen größten Erfolg hatte er 1927 mit der Oper 'Jonny spielt auf'. Als Hitler ans Ruder kam, emigrierte Krenek und fand in den USA eine neue Heimat. Er starb 1991 in Palm Springs. Unter den hier vorgestellten Komponisten ist er der mit Abstand meistgespielte.
Kreneks Zweite Symphonie ist Anna Mahler gewidmet, der Tochter Gustav und Alma Mahlers, mit der er zu jener Zeit eine exzessive Affäre hatte, die 1924 nach Annas Scheidung zu seiner ersten und ihrer zweiten Ehe führte:
"Ich erinnere mich nur, dass ich den zweiten Satz am Morgen nach meiner ersten Nacht mit Anna begann, in einem Gasthof am Ufer eines kleinen Sees östlich von Berlin, wohin wir uns begeben hatten, um unser Verlangen zu befriedigen."
Bei der Uraufführung am 11. Juni 1923 beim Tonkünstlerfest in Kassel wurde Kreneks Zweite Smphonie als etwas nie Dagewesenes empfunden. Heinz Tiessen berichtete später darüber:
"Im Finale empfing ich von den immer schärferen, immer böseren Dissonanzen einen zuvor nie erlebten Eindruck von Grausamkeit, der an die Desastres von Goya denken läßt. Mir drängte sich die Vorstellung auf von einer Operation ohne Betäubung: die Schmerzen, anfangs vielleicht halbwegs erträglich, wachsen unaufhaltsam, unbarmherzig, immer bohrender und furchtbarer bis zu einer Hölle unüberbietbarer Folterqualen, unter denen es für den Leidenden nur noch ein verzweifeltes Brüllen gibt. Trotzdem mußte ich den Komponisten spontan umarmen — ich empfand etwas Großes in seiner Schöpfung."
Dem ist nichts hinzuzufügen. Es folgt der Schluss von Ernst Kreneks Zweiter Symphonie, gespielt vom Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks unter der Leitung von Ernest Bour in einer Aufnahme vom Juni 1960.
5
Ernst Krenek: aus der 2. Symphonie op. 12: 3. Satz, Schluss
NDR-SO, Ernest Bour; Hamburg, 21. & 23. 6. 1960
NDR-Band UO-07075
(einblenden!) (Dauer: 5'34)
Sendemanuskript für BR 4 (Redaktion: Wolf Loeckle)
Produktion: 25.03..2004
Erstsendung: 'Thema Musik', 01.04..2004, 20'05 - 21'30
Sprecher: Friedrich Schloffer & der Autor.
Christoph Schlüren, 03/2004
Ein universeller Musiker
Äußerlichkeiten
interessierten Eduard Erdmann nie besonders. Als Pianist hielt er nichts von
passagentrunkenem Virtuosentum. Sein Klang wurde stets gerühmt als einmalig und
suggestiv, doch war er nie etwas anderes als das bezwingende Ergebnis der
wesentlichen inneren Dynamik dessen, was er da gerade spielte. Als Komponist
orientierte er sich immer an der tonsätzlichen Substanz und den ihr
innewohnenden Möglichkeiten und versuchte nicht, Wirkungen zu erzielen, die er
dem gewählten Material hätte aufzwingen müssen. Als Mensch im täglichen Gemeinleben
bedeutete ihm sein 'Erscheinungsbild' eigentlich nichts, und abgewetzte Hosen,
abgetragene Jackets mit zu kurzen Ärmeln waren die Normalität, wenn man den
Aussagen vieler Freunde und Bekannter Glauben schenken möchte.
Als
Pianist war Erdmann der vehementeste Vorreiter zeitgenössischer Musik im Berlin
der zwanziger Jahre, und zugleich stieg sein Ruf unaufhaltsam als begnadeter Bach-
und Schubert-Spieler. Auf reine Schubert-Recitals ließ er sich allerdings
keinesfalls ein: wer seinen Schubert hören wollte, mußte - oder durfte - vorher
Kompositionen von entschiedenen Neutönern wie Arnold Schönberg, Artur Schnabel,
Heinz Tiessen, Alban Berg, Ernst Krenek oder Hans Jürgen von der Wense anhören.
Krenek blieb ihm als Komponistenkollege wie auch Tiessen und Philipp Jarnach
lebenslang verbunden, auch nach der alle schöpferischen Wege trennenden Zeit
des Nationalsozialismus. Es entzieht sich sicherlich jeder Beschreibung, welch
inwendigen Zugang Erdmann zur Musik Schuberts gewonnen hatte, doch mag folgender
Bericht Ernst Kreneks, der 1920 als Kompositionsschüler Franz Schrekers nach
Berlin kam, eine Ahnung davon vermitteln:
"Wie
Erdmann über Musik sprach, war mir vollständig neu, aber ich war anscheinend
innerlich bereit für diese Wendung, so daß ich seine Anschauungsweise sogleich
mit Begeisterung übernahm. Hier wurde über Musik und vor allem Komposition ganz
sachlich gesprochen, ohne Mystifikation oder dumpfe und vage Instinkthörigkeit,
als über eine Sache, die vom Menschen gemacht und kontrolliert wird und deren
technische Voraussetzungen definiert werden können und müssen. Dabei wurde sie
aber auch nicht zum bloßen Handwerk degradiert, als ob sie nur bescheidene
Gebrauchsartikel zu erzeugen vermöchte, sondern hohe intellektuelle Ansprüche
wurden stets betont.
Diese
mir so neue Einstellung wurde mir sehr bald ebenso überraschend wie schlagend
an den Liedern von Franz Schubert demonstriert. Erdmann muß aus irgendwelchen
Bemerkungen entnommen haben, daß ich von Schubert keine Ahnung hatte, und er
unterwarf mich mit ebensoviel Geduld wie Begeisterung einem veritablen Kursus,
in dem wir an manchem langen Nachmittag und Abend Hunderte von Schuberts
Liedern durchnahmen. Man kann sagen, daß Erdmann dabei sein sensitives und
brillantes Klavierspiel mit einer angenehmen hohen Baritonstimme begleitete,
deren Mangel an Volumen und konventioneller Tonschönheit durch kristallklare
Intonation, intelligente Phrasierung und exakte Artikulation mehr als
aufgewogen wurde. Da ich bis dahin gelernt hatte, die Bedeutung von Liedern nur
danach zu bemessen, wie weit es dem Komponisten gelungen war, den Gefühlsgehalt
des Textes musikalisch 'auszudrücken', wobei der zwar 'genial begabte, aber
wirklich primitive' Schubert dem raffinierten Hugo Wolf nicht das Wasser
reichen konnte, war ich zunächst schockiert, als Erdmann mir erklärte, daß die
Beziehung zum Text höchstens von sekundärer Bedeutung sei, daß er selbst beim
Studium dieser Lieder auf die Worte gar nicht achte, daß dieses oder jenes Lied
ebenso schön wäre, wenn die Singstimme auf einem Horn geblasen würde - daß es
auf ganz andere Dinge ankäme, wie: Ausbalancieren unsymmetrischer
Periodenglieder durch harmonische Rückungen oder Verschiebung von Akzenten,
Störung und Wiederherstellung des metrischen Gleichgewichts durch Varianten in
Dynamik, Textur und Registerlage, und viele andere solche, scheinbar rein
'technische' Details. Ich entwickelte nicht nur eine bis heute andauernde
tiefreichende Affinität zu Schuberts Werken, sondern entdeckte auch eine ganz
neue musikalische Welt. Durch diesen Schubert-Lehrgang hat Eduard Erdmann auf
mein musikalisches Denken einen entscheidenden und permanenten Einfluß
ausgeübt.
Ein
direktes Ergebnis unserer Schubert-Studien war Erdmanns Anregung, Schuberts
unvollendete C-Dur-Sonate für ihn 'fertig zu komponieren', da er dieses ihm
nahestehende Werk als ein Ganzes in sein Repertoire aufnehmen wollte. In der
engen freundschaftlichen Beziehung, die sich damals zwischen uns schnell
entwickelte und bis zu Neds vorzeitigem Ableben fortdauerte, war sein
Pianistentum freilich stets von untergeordneter Bedeutung. Was uns verband, war
unser zentrales Interesse an der Komposition von Musik, nicht an ihrer
Aufführung."
Soweit
Ernst Krenek in den 'Erinnerungen an einen Freund'. Hören Sie nun Eduard
Erdmann in einer Aufnahme vom 17. März 1952 im Seidlhaus mit der späten
Klaviersonate in B-Dur DV 960 von Franz Schubert, mit den Sätzen:
- Molto moderato
- Andante sostenuto
- Scherzo. Allegro vivace con
delicatezza
- Allegro ma non troppo
ffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff
Sie
hörten Franz Schuberts späte B-Dur-Sonate DV 960, gespielt von Eduard Erdmann.
Eduard
Erdmann wurde am 17. März 1896 im livländischen Wenden geboren (im heutigen
Lettland), und die Rechtsanwaltsfamilie übersiedelte 1902 nach Riga, wo der
Achtjährige ersten Klavierunterricht erhielt. 1910 trat er bei einem
Schülerkonzert in Riga erstmals öffentlich auf der Bühne. 1912 entstand mit dem
Lyrischen Stück für Violine und Klavier "An den Frühling" op. 1 nicht
nur Eduard Erdmanns erste später bei Ries & Erler veröffentlichte
Komposition. Zudem setzte er seine Klavierstudien bei dem Leschetitzky-Schüler
Bror Möllersten fort und nahm am allrussischen Klavierwettbewerb in Moskau als
jüngster Mitbewerber teil. Das nächste Jahr wurde vom Tod seines Vaters
überschattet. Er erhielt musiktheoretischen Unterricht vom Rigaer Domorganisten
Harald Creutzburg, klavieristische Unterweisung von Jean du Chastain, und
absolvierte im Frühjahr 1914 das Abitur mit vierzehn Hauptfachprüfungen.
Hochbedeutend für sein pianistisches Vorankommen waren Sommerkurse in
Königsberg mit Conrad Ansorge, bei dem er nach der Übersiedlung mit seiner
Mutter nach Berlin an der dortigen Musikhochschule weiterstudierte.
Es
war eine glückliche Fügung für Eduard Erdmann, daß er in Berlin
Kompositionsschüler von Heinz Tiessen wurde, des aus Königsberg stammenden
Vordenkers der "Neuen Klassizität", die dieser schon 1911, also
einige Zeit vor Busoni, zur Notwendigkeit erklärt hatte. Tiessen war in seinen
früheren Werken, zu denen die Symphonie 'Stirb und Werde!' zählt, einerseits
Fortführer Richard Straussischer Errungenschaften, andererseits mutiger
Erkunder freitonaler Räume. Später, vor allem in den zwanziger Jahren, wurde er
einer der führenden Komponisten des Expressionismus. Als Symphoniker bewunderte
er besonders Anton Bruckners umfassende Meisterung der großen Form und stand
der kaleidoskopischen Welt Mahlers skeptisch gegenüber.
In
dieses organisch-lebendige Formverständnis, wo jedes Detail nur hinsichtlich
seiner Funktion innerhalb des Gesamterlebnisses eine Berechtigung hat, wuchs
auch der junge Eduard Erdmann rasch hinein. Zunächst schrieb er unter Tiessens
Aufsicht eine Reihe Klavierstücke und Lieder, und das 1918 abgeschlossene 'Rondo
für Orchester', Tiessen gewidmet, wurde 1921 von den Berliner Philharmonikern
unter Arthur Nikisch uraufgeführt. Im Jahr zuvor war bereits unter Peter Raabes
Leitung in Weimar auf dem Tonkünstlerfest des Allgemeinen Deutschen
Musikvereins seine Alban Berg gewidmete erste Symphonie erstmals erklungen, die
noch deutlich die Spuren Tiessenscher Zielsetzungen trägt, typisch für die
komplexen harmonischen Strukturen und hochfahrenden thematischen
Gegensätzlichkeiten jener Zeit von unentwegtem Rubatogebrauch lebt. In der
folgenden Violinsolo-Sonate op. 12 für Alma Moodie fand Erdmann zu einem weit
persönlicheren Ausdruck, der in der unbedingten Linearität und Zielstrebigkeit der
Harmonik die eigentümliche polyphone Welt seiner weiteren Werke immer
intensiver durchdrang. Die Ernst Krenek zugeeignete zweite Symphonie op. 13,
das Klavierkonzert op. 15 und das unglücklicherweise 'Ständchen' betitelte
Orchesterwerk op. 16, allesamt in der Universal Edition erschienen, ließen den
Komponisten Erdmann dem genialen Pianisten wenigstens ebenbürtig erscheinen,
für den Busonis 'Fantasia contrappuntistica' das "wohl bedeutendste Werk der
modernen Klavierliteratur" war: "Dieses Werk muß man kennen."
Erdmann
war nicht nur als Komponist und ausführender Musiker, der viele heutige 'Klassiker
der Moderne' ur- und wiederaufführte, eine der zentralen Gestalten der Neuen
Musik in den zwanziger Jahren in Deutschland. Bei den vom Fürsten von
Fürstenberg ausgerichteten ersten 'Donaueschinger Kammermusiktagen für
zeitgenössische Tonkunst' war er Jurymitglied. Er wirkte entscheidend bei den
Bauhauskonzerten mit - unter anderem bestritt er das Eröffnungskonzert am 4.
Dezember 1926 in Dessau - und stand in regem Austausch mit anderen Größen des
kulturellen Lebens wie dem Philosophen Max Scheler und dem Maler Emil Nolde.
Inzwischen
hatte er mit seiner Frau Irene, die eine begabte Liedkomponistin war, ein
Landhaus in Langballigau an der Flensburger Förde erworben, das allmählich eine
auf etwa 12.000 Bände anwachsende Privatbibliothek beherbergen sollte, eine
nahezu vollständige Erstdrucke-Kollektion von Luther bis Rilke. Und 1925 war er
vom Kölner Generalmusikdirektor Hermann Abendroth als Klavierprofessor an die
dortige Musikhochschule berufen worden, wo er nun engen Kontakt mit dem
gleichfalls dort lehrenden deutsch-katalanischen Komponisten Philipp Jarnach
pflegte. Ab 1929 trat er im Klavierduo mit Walter Gieseking auf.
Doch
dann stellten die Nationalsozialisten den Menschen Erdmann kalt und ließen ihn
nur noch als konzertierenden Pianisten gewähren, nachdem er 1935 seine Kölner
Professur aus Protest gegen von der Partei veranlaßte Ausschreitungen gegen
mißliebige Kollegen niedergelegt hatte. Seine Kompositionen wurden mit
Aufführungsverbot belegt. Das einzige Werk, das er während des Dritten Reichs
schrieb, war ein Nolde gewidmetes Streichquartett op. 17, einer der
eminentesten Beiträge zu dieser in unserem Jahrhundert an Meisterwerken nicht
armen Gattung, dessen zentraler langsamer Satz seinem selbstkritischen Schöpfer
auch in späten Jahren noch besonders am Herzen lag. (Es ist mittlerweile auf CD
erhältlich, MDG/Helikon CD 525 0645-2.)
Nach
dem Kriege komponierte er, der nun unermüdlich vormals 'Entartete Musik' zur
Aufführung brachte, zunächst ein Konzertstück für Klavier und Orchester, dann
1947 die dritte Symphonie op. 19, auf die lediglich noch drei weitere
Orchesterwerke bis zu seinem Tod am 21. Juni 1958 in Hamburg folgen sollten:
die vierte Symphonie, 'Capricci' op. 21 und 'Monogramme' op. 22.
Für
eine Berliner Erstaufführung durch die Philharmoniker unter Richard Kraus gab
Erdmann seiner dritten gegenüber der schwerer verständlichen vierten Symphonie
den Vorzug. Erstere hatte bei der Essener Uraufführung am 23. September 1951 unter
Gustav König begeisterte Aufnahme gefunden, und Ernst Krenek hielt den
langsamen Satz daraus für "das schönste im 20. Jahrhundert komponierte
Adagio". Zum Scherzo bemerkte Erdmann: "Sowohl Scherzo wie Trio sind
vorwiegend auf dem Tritonusschritt (verminderte Quint) aufgebaut, der vor allem
in der Paukenstimme fortlaufend verwandt wird. Das sehr bewegte Tempo des
Scherzos kontrastiert mit dem Ländlerzeitmaß des gesangvollen Trios. Bei der
Wiederholung des Scherzos ist die Instrumentation völlig verändert." Hören
Sie nun Scherzo und Finale, welches letztere in einer A-B-A-C-A-B-A-Rondoform
geschrieben ist und mit einem zyklischen Rückgriff auf das Hauptthema des
ersten Satzes schließt, aus Eduard Erdmanns dritter Symphonie op. 19 in einer
Aufführung mit den Münchner Philharmonikern unter Leitung Gustav Königs vom 13.
März 1955.
ffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff
Sie
hörten den dritten und vierten Satz, Scherzo und Rondo-Finale, aus der dritten
Symphonie von Eduard Erdmann. Gustav König dirigierte die Münchner
Philharmoniker.
Wie
sein Lehrer Heinz Tiessen wurde Eduard Erdmann nach dem Zweiten Weltkrieg als
Komponist weitgehend vergessen. Der Siegeszug der neuen 'Avantgarde'-Generation
auf der Suche nach immer neuen Klängen, der absolutistische Anspruch der
Serialisten - das paßte nicht zum freitonalen, aber doch ungebrochen den
tonalen Formenergien nachspürenden Geist der Freidenker der zwanziger Jahre.
Entweder man bekannte sich zur Schönbergschen Ästhetik, wie dies auch Krenek
tat, oder man wurde ignoriert. So wurde Erdmann schließlich als ein grandioser
Pianist betrachtet, der nebenbei auch - relativ wenig inzwischen - komponierte.
Und ein grandioser Pianist war er, der seit 1950 an der Hamburger
Musikhochschule auf Berufung Philipp Jarnachs eine Meisterklasse für Klavier
betreute, wahrlich nach wie vor. "Vergeistigtes Spiel", "himmlisch
und dämonisch zugleich", "entpersönlicht im besten, lebensvollsten
Sinne" - die Würdigungen seines Wirkens überschlugen sich, ohne etwas
sagen zu können. Hören Sie nun Eduard Erdmann und das damalige 'Orchester des
Reichssenders München' unter Hans Rosbaud in einer Aufnahme vom 17. Januar 1945
mit Robert Schumanns 1849 komponiertem 'Introduction und Allegro
appassionato'-Konzertstück für Klavier und Orchester op. 92.
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Robert
Schumanns Konzertstück 'Introduction und Allegro appassionato' op. 92 spielten
Eduard Erdmann und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter
Leitung von Hans Rosbaud in einer Aufnahme kurz vor Kriegsende.
In
seinen letzten Lebensjahren mußte Eduard Erdmann als starker Raucher nach zwei
Herzinfarkten sein Konzertpensum immer mehr herunterschrauben. Doch zuvor, von
1946-54, widmete er sich intensiv den öffentlichen Auftritten, die er selbst
als Angelegenheiten des Lebensunterhalts herunterzuspielen beliebte. Seine
musikalische Vorstellungskraft war ungeheuer stark, und er zog das 'stille'
Partiturvergnügen längst dem Konzert vor. So erzählte sein Lehrer Heinz
Tiessen: "Er wollte nichts hören, was er kennt, denn er empfängt von jeder
Musik sofort einen festen ersten Eindruck, an dem sich, wie er betonte, niemals
auch nur das Geringste ändert; das gilt für sein eigenes Spiel wie für die
Wiedergabe, die er unabdingbar von seinen Schülern verlangt, und wenn er
Abweichungen hört, wird er ungemütlich. Auch eine eigene Entwicklung, die den
Interpreten in ein Werk tiefer oder gar anders hineinwachsen läßt, war ihm
demnach fremd."
Ein
anderer Schüler Tiessens, der zu jener Zeit in Berlin Berühmtheit erlangte, war
Sergiu Celibidache, der sich nicht entsinnen kann, je sonst ein so bezwingendes
Bach-Spiel gehört zu haben wie von Eduard Erdmann. Doch leider ist kein Takt
Bach unter Erdmanns Händen aufgenommen worden von diesem Mann, der
Aufnahmesitzungen haßte und als erster großer Pianist die Goldberg-Variationen
ungekürzt und unbearbeitet in seinem Repertoire führte. Ein Pianist freilich,
das wollte er zuletzt sein - ein
Sänger, ein universeller Musiker: ja, der notgedrungen auf dem Klavier
musizierte. Und doch war er auch ein Pianist,
einer der ganz Großen. Hören Sie zum Abschluß die 'Bilder einer Ausstellung'
von Modest Mussorgskij in einer Aufnahme vom 17. März 1952 im Seidlhaus. Am
Klavier: Eduard Erdmann.
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Sendemanuskript für
BR4;
"Eduard Erdmann
zum 100. Geburtstag", 'Aus dem BR-Archiv';
Sendung: 18.4.1996,
20:15-22:oo.
Christoph Schlüren,
4/96